Wie unsere Partizipation an der Abnehm-Kultur uns zerstört

Ich behaupte, dass unsere Gesellschaft in einem Abnehm-Wahn gefangen ist. Ich möchte sogar weitergehen und die Vermutung aussprechen, dass unsere größte Gefahr nicht in der Adipositas-Epidemie verborgen ist, wie es uns von allen Ecken eingetrichtert wird, sondern in der Abnehm-Epidemie.

Das Gewicht ist nie das Problem, es ist lediglich ein Symptom.

Der Kapitalismus und die Ideologie des Neoliberalismus zwingen Menschen dazu, das Materielle über das  Geistige, über das Emotionalen und über das Menschlichen zu stellen; das Geld und den Besitz anzubeten, anstatt das Seelische in den Vordergrund zu rücken. So wachsen Menschen auf und leiden darunter, keine tiefen Bindungen zu anderen Menschen zu haben und fühlen sich auch unter anderen Menschen einsam.

Diese klaffende innere Leere, die große Sehnsucht nach Liebe und Bindung soll viel zu oft mit dem Essen gestillt werden. Das Gefühl des „nicht-gut-genug-seins“, das in unserer Leistungsgesellschaft fast jede Person in die Wiege gelegt bekommt, wird oft auch mit Hilfe des Essens zu unterdrücken versucht. Menschen greifen zum Essen und stopfen sich voll damit, um sich selbst ihre angebliche Wertlosigkeit zu beweisen. Essen ist beides, Trost und Bestrafung, manchmal gleichzeitig. Außerdem können Frauen sowohl im exzessivem Essen und darauffolgender Gewichtzunahme als auch in einer extremen Gewichtsabnahme sich einen Schild aufbauen. Dies schützt sie gegen die Übersexualisierung und Verdinglichung ihres Körpers und gegen die oberflächliche und leider so weit verbreitete Reduzierung ihrer Persönlichkeit auf ihr Äußeres.

Essen wird ständig dämonisiert und zur Sünde gemacht. Sich ein Dessert zu gönnen, wie es uns durch zahlreiche Werbespots suggeriert wird, bedeutet, sich etwas Verbotenes  zu leisten. Ein Dessert dürfen wir nicht einfach so genießen, weil es uns Freude bereitet und unsere Geschmacksknospen verwöhnt. Nein. Wenn wir schon sündigen und uns an ein Stück Torte ranmachen, dann müssen wir das aus einem schlechten Gewissen heran tun und dafür natürlich eine Strafe zahlen, z.B. uns ins Fitnessstudio quälen, ganz egal ob wir das Laufband hassen oder nicht.

Die Kalorientabellen werden zur neuen Bibel erklärt.  Jeder Mensch muss sich damit auskennen. Jeder Mensch muss das eigene Essen konstant scannen und checken. Die Essensvorbereitung erinnert uns mehr und mehr an ein Chemielabor, wo alles steril ist und wo das Produkt grammgenau präpariert wird. Dem Essen wird das Kreative und das Genussvolle genommen. Stattdessen werden wir in eine Essneurose getrieben.

„Die Moralität des Dünnseins ist besonders verlockend, weil sie uns das Gefühl von Tugend, Reinheit und Selbstwert gibt, ohne dass wir uns intensiv damit auseinandersetzen müssen, was es bedeutet, in unserer komplizierten Welt ethisch zu handeln.  Stattdessen können wir uns „gut“ nennen, wenn wir das Essen zu uns nehmen, das „gut“ ist – worunter natürlich das Essen gemeint, das uns helfen soll, schlank zu werden oder zu bleiben“ ©Michelle Lelwica (meine Übersetzung)

Die Produkte werden in „gute“ und „schlechte“ unterteilt. Man soll sich nur von guten Produkten ernähren und die anderen wie die Pest verabscheuen. Wer sich erfolgreich unter Kontrolle hat, der/die passt in die Leistungsgesellschaft hinein und darf sich für etwas Besseres halten, während Menschen, die ‘schlechtes’ Essen zu sich nehmen, abgewertet werden. Das Essen beinhaltet heutzutage einen moralischen Aspekt, was unser Verhältnis damit noch schwieriger macht.

Sogar das Konzept der Gesundheit wird heutzutage an den Abnehm-Kult angepasst und dem Kapitalismus in den Dienst gestellt, denn laut den gängigen Bildern kann ein Mensch, der Bauchröllchen, Cellulitis, Dehnungsstreifen oder hängende Haut hat, nicht als gesund angesehen werden, ganz geschweige von den Menschen, die in die Kategorie „übergewichtig“ gepresst werden. So geben Menschen viel Geld dafür aus, um dem künstlich erschaffenen Ideal näher zu kommen, das ja nicht nur schön sei, sondern angeblich auch gesund.

Warum machen wir bei diesem Wahnsinn mit? Warum lehnen wir unseren eigenen Körper, unsere Wünsche, unsere Geschmäcke ab und folgen den aufgesetzten Regeln, die uns nicht nur miserabel machen, sondern unsere Beziehung zu unserem eigenen Körper auf Dauer komplett zerstören? Warum führen wir einen bitteren Krieg gegen das Essen, anstatt mit ihm eine erfüllende Liebesbeziehung zu führen? Warum schränken wir uns bis zum Umfallen ein und nehmen uns unsere eigene Lebensfreude weg, anstatt unser Dasein täglich zu zelebrieren und uns liebevoll zu behandeln? Warum können wir nicht über unseren Körper reden, ohne zu behaupten, dass wir ein paar Kilo abnehmen wollen oder sogar sollen? Warum zwingen wir unsere Kinder dazu, den Teller leer zu machen anstatt sie intuitiv essen zu lassen? Warum versuchen wir unseren Kindern beizubringen, dass ihre Körper schön sind so wie sie sind, während wir ständig auf Diäten sind und über unseren eigenen Körper und die Körper anderer Menschen immer abwertend reden? Und dann wundern wir uns noch, dass unsere Kinder auch ihre Körper hassen und sich selbst ablehnen…

„Denke daran: Was gut für dich ist, ist in Ordnung. Lege dir keine unnötigen Regeln auf. Du bist ja schon in einem Gefängnis, schaffe dir nicht ein noch größeres Gefängnis.“ ©Osho

Wir müssen den grausamen und uns in Ketten legenden Totalitarismus dieser Abnehm-Kultur erkennen und ihm die Stirn bieten.

Der beste Weg daraus ist es, dich der Weisheit deines eigenen Körpers anzuvertrauen und auf seine Signale zu hören. Dein Körper ist ein extrem intelligentes System und er weiß selbst, was er braucht und was ihm guttut. Er ist der Expert, nicht die Frau im Fernsehen oder der Bestseller-Autor.

Trau dich, dem Abnehm-Kult ein klares „Nein“ auszusprechen und dich stattdessen mit deinem eigenen Körper zu befreunden.

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