Lea

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.
Das ewige Streben nach Perfektion

Leistung. Kontrolle. Perfektion. Gewicht. Bewegung. Kalorien. Essen. Selbsthass. Oder kurz gesagt ANOREXIE.

Diese Begriffe bestimmen meinen Alltag und meine Gedanken nun schon seit fast vier Jahren. Immer wieder mit Höhen und Tiefen.

Mittlerweile bin ich 18 Jahre alt und häufig Frage ich mich: Wieso ich? Wieso musste ich in diesen Teufelskreis aus Selbsthass und Selbstzerstörung rutschen? Womit habe ich das verdient? Und vor allem, aber frage ich mich: Werde ich jemals wieder ein glückliches und normales Leben führen können?

Einen bestimmten Auslöser für meine Krankheit kann ich nicht benennen. Ich bin der Meinung viele Faktoren haben zu meiner jetzigen Situation geführt. Angefangen haben die „Problemchen“ bei mir mit ungefähr 12 Jahren.

Im Jahr 2012 musste ich viele Dinge einstecken, die ich erst jetzt ein paar Jahre später als Auslöser für die Magersucht bezeichnen kann. In diesem Jahr hat meine schöne, heile, perfekte Welt das erste Mal ein paar Treffer abbekommen.

In der Schule wollte ich schon immer alles perfekt machen – die Beste sein, die nirgends aneckt. Da ich nun eine weiterführende Schule besuchte, wollte ich alles noch perfekter machen. Teilweise hatte ich starke Prüfungsängste und verbrachte schon damals viel Zeit mit Lernen, da ich einfach immer gute Leistungen erbringen wollte und sogar Angst hatte, meine Lehrer enttäuschen zu können.

Dann ging es damit weiter das ich das erste Mal so richtig von den Beziehungsproblemen meiner Eltern mitbekommen habe, und dann verlor ich auch noch meine allerbesten Freunde wegen einem banalen Streit, in dem ich eigentlich nur helfen wollte und dafür Schläge und Abweisung von all meinen Freundinnen erfahren musste. Dann stand ich erst mal allein da. Keine Freunde mehr. In den Pausen allein. Fiese Mobbingnachrichten per SMS. Alle hassten mich. Und das nur weil ich einer Freundin einen Ratschlag geben wollte und es gut gemeint habe.

Nun war es aber nicht genug, dass meine Freunde mich im Stich gelassen haben – nein, jetzt musste auch noch mein Körper rebellieren. Ein starker Migräneanfall mit Sprach- und Sehstörungen warf mich noch einmal komplett aus der Bahn. Ich hatte das Vertrauen in meinen Körper verloren und hatte ständig Angst, dass jederzeit wieder ein Anfall kommen könnte. Und dann der Höhepunkt: Ich bekomme das erste Mal meine Periode. Der blanke Horror für mich. Ich wollte das doch noch gar nicht. War noch gar nicht erwachsen genug.

Ich ekelte mich vor mir selbst. Das erste Mal.

Als ich in die 7. Klasse kam ging es glücklicherweise bergauf. Ich machte mit dem Klassenwechsel eine Art Neuanfang. Neue Klasse. Neue Freunde. Neuer Lebensmut. Mir ging es zu dieser Zeit wirklich sehr gut und ich fand auch schnell Anschluss. Die nächsten zwei Jahre würde ich als meine glücklichsten Jahre bezeichnen. Ich war einfach Ich Selbst. Losgelöst. Fröhlich. Lustig.

Doch dann kam das nächste Problem auch schon angerollt. Ein Junge war in mich verliebt.

Eigentlich fand ich es anfangs schön, zu wissen, dass jemand für mich schwärmt und ich habe es sogar genossen. Ich würde sogar sagen ich war auch ein bisschen in ihn verliebt. Dann kam der Tag, an dem er alles zerstörte. Er gestand mir seine Gefühle. Ich wusste überhaupt nicht wie ich damit umgehen sollte. Auch dafür war ich einfach noch nicht bereit. Ich wollte noch keine Beziehung. Ich war ehrlich und sagte ihm das auch. Die Reaktion: Abweisung. Freundschaft gekündigt.

Das erste Mal fragte ich mich: Wieso werde ich immer im Stich gelassen, wenn ich für mich einstehe?

Ich habe angefangen zu denken, dass ich es immer jedem recht machen muss, um nirgends anzuecken. Ich traute mich nicht mehr meine echte Meinung zu sagen aus Angst jemand könne mich wieder verletzten oder im Stich lassen. Nun war ich richtig am Boden. Mir ging es psychisch wirklich schlecht, weil ich einfach verletzt war, dass dieser Junge unsere Freundschaft einfach hinschmiss.

Lebt euer Leben und scheißt auf dick oder dünn, groß oder klein, Kalorien,  Note 1 oder Note 6.  Was wirklich zählt im Leben, sind die Momente, in denen ihr einfach glücklich seid. 

Ich verspürte keinen Appetit mehr. Dadurch nahm ich natürlich ungewollt ab und merkte plötzlich, dass ich dadurch Aufmerksamkeit bekam. Jeder sorgte sich um mich und ich wurde gesehen. Also begann ich immer weiter abzunehmen. Meine Figur und mein Aussehen wurden mir immer wichtiger und ich begann mich mit gesunder Ernährung zu beschäftigen.

Ein Lückenfüller musste her für all das was ich verloren hatte. Und dieser Lückenfüller heißt ANOREXIE. Es gab irgendwann nur noch die Schule, das Lernen und die Krankheit. Sozial zog ich mich immer mehr zurück und so wurde auch die Krankheit immer stärker.

Irgendwann fasste ich den Mut und machte erfolgreich eine Therapie in einer Tagesklinik. Mir ging es seit langem wieder gut.

Doch dann kam der Rückfall. Nun quälte mich auch noch ein extremer Bewegungsdrang. Es ging immer mehr darum genügend Kalorien zu verbrennen um ja nicht dick zu werden. Ich quälte mich damit jeden Tag genügend Schritte zu machen oder Sport zu treiben, den ich eigentlich nicht machen wollte.  Mittlerweile habe ich das zum Glück wieder besser im Griff, aber leider gibt es bei meiner Geschichte noch kein Happy End.

Ich stehe momentan wieder am Abgrund. Mit meinem Tiefstgewicht. Stecke immer noch im Teufelskreis der Anorexie und der Perfektion. In meinem Leben gibt es nur Schwarz und Weiß. Keine Grauzone. Ich habe einfach Angst. Angst davor die Krankheit gehen zu lassen. Denn was bleibt dann? Wer bin ich eigentlich ohne diese Krankheit?

Ich hoffe einfach, dass ich es irgendwann schaffen kann die Krankheit gehen zu lassen.  Ich will endlich auch ein normales Leben führen, wie andere Jugendliche in meinem Alter. Meine Ziele erreichen. Lachen können. Einfach glücklich sein. Und ich sage jedem der an seiner Figur zweifelt: Liebt euch so wie ihr seid, denn niemand hat es verdient solch eine schreckliche Krankheit zu bekommen. Sie zerstört nicht nur einen Selbst, sondern auch die Familie geht daran zu Grunde.

Ich könnte nun noch ewig weiter schreiben, auch darüber welche Einflüsse die Gesellschaft im Bezug auf unser Äußeres hat, aber ich muss diesen Text langsam beenden und möchte abschließend einfach noch einmal betonen: Lebt euer Leben und scheißt auf dick oder dünn, groß oder klein, Kalorien,  Note 1 oder Note 6.  Was wirklich zählt im Leben, sind die Momente, in denen ihr einfach glücklich seid und ich hoffe davon gibt es auch in meinem Leben noch einige mehr…