Warum es wichtig ist, über unsere Essstörungen zu sprechen

Was passiert eigentlich, wenn du über deine Essstörung sprichst? Ich weiß, allein schon der Gedanke daran jagt dir Angst ein, und dies auch aus gutem Grund: Das Thema “Essstörungen” ist in unserer Gesellschaft leider immer noch tabuisiert und schambehaftet. In diesem Artikel möchte ich dir jedoch zeigen, warum es für dich, andere Betroffene und für unsere ganze Gesellschaft wichtig ist, dass DU deinen ganzen Mut zusammenfasst und über deine Essstörung sprichst. Und Anfangen möchte ich mit einer persönlichen Geschichte.

Als ich mit 23 mein Auslandssemester in England machte, erreichte meine Essstörung ihren absoluten Gipfel, was durch einen zerreißenden Liebeskummer sowie Integrationsschwierigkeiten ausgelöst wurde. Ich habe damals in einem Haus mit meiner guten Freundin gewohnt, mit der wir offen über alles reden konnten. Über meine Essstörung habe ich ihr aber nichts erzählt, weil ich mich allzu sehr dafür schämte. Als ich vor einigen Monaten endlich mal den Mut hatte, mein Geheimnis mit ihr zu teilen, erfuhr ich zu meiner großen Überraschung, dass sie in England auch ihre schlimmste Phase hatte! So litten wir beide – in demselben Haus wohnend  –  an dem gleichen Problem, hielten es aber sehr konsequent voneinander geheim.

Jetzt, wenn ich auf dem Weg zu Heilung bin, rede ich offen über meine Erfahrungen. Zurück kommt meistens „Ich auch“ oder „meine Tochter auch“, was für mich erschreckend und gleichzeitig augenöffnend ist.  Ich möchte also auch dich dazu ermutigen, deine Erfahrungen mit der Welt zu teilen.

Hier sind drei Gründe, warum es notwendig ist:

1. ENT-SCHÄMUNG und AKZEPTANZ.

Wenn du über deine Essstörung sprichst, entschämst du sie. Das ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, denn wenn die Scham weggenommen ist, hat die Essstörung plötzlich nicht so viel Macht mehr über dich. Dann bekommst du endlich die Möglichkeit, rational an der Sache zu arbeiten, anstatt von der unerträglichen Last des Schams in ewigem Schweigen und andauernder Selbstverachtung gefesselt zu werden. Außerdem fördert das Loswerden von Scham eine gewisse Akzeptanz für deinen Zustand und den Willen, ihn zu verbessern. Und das wiederum kann dich dafür öffnen, Hilfe zu suchen (egal in welcher Form).

2. EMPOWERMENT und VERNETZUNG.

Wenn du über deine Erfahrungen sprichst, zeigst du anderen Frauen, dass sie mit den gleichen Problemen nicht alleine sind, dass sie nicht komisch oder wertlos sind. Durch das Erheben deiner eigenen Stimme, ermutigst du andere Frauen dazu, auch ihre Geschichten zu erzählen und gleichzeitig auch diese zu entschämen. Dies führt, erstens, zu der wichtigen Erkenntnis, dass dein Problem nicht spezifisch und selten ist, sondern dass es allgemein verbreitet ist und sehr viele Frauen und Mädchen betrifft. Zweitens, hilft diese Offenheit sich zu vernetzen und eine unterstützende Community aufzubauen. Denn es ist viel einfacher und wirkungsvoller, gemeinsam gegen ein Problem einzutreten als es alleine zu tun.

3. VERÄNDERUNGEN im SYSTEM.

Wenn wir offen über unser gestörtes Verhältnis mit dem Essen sprechen, machen wir aus schambehafteten und ausschließlich privaten, angeblich durch unseren eigenen Narzissmus ausgelösten Schwierigkeiten ein öffentliches Problem. Denn eine Essstörung wird hauptsächlich durch eine Mischung aus dem äußeren Druck und innerer Unsicherheit oder Trauma ausgelöst. Sie  ist meistens eng mit dem aufgezwungenen Schönheitskult, Leistungsdruck sowie mit der gesellschaftlich bestimmten Rolle der Frau, ihrer Sexualität und ihrer Selbstentfaltung verbunden. Und das sind gesellschaftliche Angelegenheiten, die akut unsere Aufmerksamkeit erfordern.

 

–> Also rede über deine Essstörung. Entmachte sie. Vernetzte dich mit betroffenen Frauen, unterstütze und ermächtige sie. Bringe deine eigenen Erfahrungen als Frau sowie die gesellschaftlichen Zwänge und Anforderungen, die dich geprägt haben, zur öffentlichen Debatte.

 

p.s.

Gibt es noch weitere Gründe, warum wir unsere Essstörung zum Thema machen sollen? Teile sie gerne in den Kommentaren mit.

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Bildquelle: gratisography.com

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