Vorher-Nachher-Geschichte, diesmal aber anders

Warum ich meine Vorher-Nachher-Geschichte mit der Welt teilen möchte

Normalerweise findet man im Internet Fotos, die umgekehrt platziert sind: von einem korpulenten zu einem mageren Körper. Und dies soll als ein großer Gewinn und eine bewundernswerte Leistung angesehen werden, die von allen gefeiert wird.  Ich möchte aber das vertraute Szenario umdrehen und einen fülligeren Körper zelebrieren. Ich möchte den gängigen Mythos zerstören, dass ein schlanker Körper Glück, Liebe, Anerkennung, mehr Selbstbewusstsein, unendliche Freude und Freiheit mit sich bringt. Ich möchte den Glaubenssatz, dass dünner gleich wertvoller bedeutet, für immer beseitigen.  Und als Allerwichtigstes möchte ich mit Hilfe meiner eigenen Geschichte die grausame Wahrheit über den Abnehm-Wahn unserer Gesellschaft erzählen und das Leiden dahinter zeigen.

Auf dem Bild links bin ich 15 Jahre alt. Mein Gewicht war damals nicht das natürliche Gewicht eines pubertierenden Mädchens, sondern das Ergebnis einer neuen Lebensweise, an die ich mich entschlossen/unnachgiebig und mit einer fast militärischen Disziplin ein Jahr lang hielt. Mein Leben bestand aus einer sehr, sehr strickten Diät (nichts Gebratenes, nichts Süßes, Minimum an Kalorien) und aus täglichem Sport. Zu der Entscheidung, mein Leben komplett umzustellen, kam ich, weil ich mich damals für fett und ekelhaft hielt. So machte ich Sport, hielt ohne Wenn und Aber meine Diät ein und nahm mehr und mehr ab. Es fiel mir damals nicht schwer, mich an diese Diät zu halten, denn die erste Diät ist immer die leichteste. Mein Plan funktionierte so „gut“, dass nach einem Jahr alle um mich herum um meine Gewichtreduktion besorgt waren, nur ich nicht. Die Kommentare, dass ich zu dünn sei und aufpassen müsse, ärgerten mich gewaltig.  Ich dachte, sie spinnen wohl, denn ich schaute in den Spiegel und sah dort Fett ohne Ende.

Mit dieser Diät fing ein neuer Abschnitt in meinem Leben an, der statt erhoffter Freude und Selbstbewusstsein, nur ein dauerhaftes Leiden mit sich brachte.

Wie ich im Abnehmsumpf stecken geblieben bin

Nach einem Jahr lockerte ich meine Diät ein wenig, zählte aber weiterhin Kalorien und machte viel Sport. Es fiel mir immer schwieriger, mich von „verbotenen“ Produkten fernzuhalten. Mit 18 fing ich zum ersten Mal zu  bingen. Ich aß alles, was zu Hause war: Erstmal etwas Herzhaftes, dann etwas Süßes, dann sofort wieder etwas Herzhaftes usw. bis ich irgendwann pappsatt war. Ich stopfte mich voll mit Schokolade und fühlte mich dabei wie eine Verbrecherin. Am nächsten Tag trank ich nur Kefir, um keinesfalls zuzunehmen. So ging es circa zwei Jahre lang. Dann sind meine Binges noch schlimmer geworden. Ich ging extra in den nahen Supermarkt, kaufte mir Berge an Süßkram, ging nach Hause, versteckte mich vor allen und fraß das alles weg. Danach lag ich auf meinem Bett und konnte mich kaum bewegen, weil mein Magen beinahe platzte und sehr schmerzte.  In diesen Momenten hasste ich mich so sehr! Ich hielt mich für eine Versagerin, für einen absolut wertlosen, nutzlosen, schwachen und ekelhaften Menschen.  Ich schwor, dass ich nächstes Mal, wenn der Drang zu Bingen wieder hochkommt, einfach nicht einkaufen gehen würde, und bin dann immer wieder gegangen. In meiner schlimmsten Phase, als mich Liebeskummer in einem fremden Land quälte, kam es bis zu fünf Mal die Woche zu solchen Binge-Attacken. Ich litt an einer Essstörung, erzählte aber niemanden davon, denn ich war fest davon überzeugt, dass es lediglich an meiner schwachen Disziplin lag und dass ich sie in den Griff hätte bekommen müssen. Außerdem dachte ich, dass ich ein ganz normales Verhältnis zum Essen hatte und dass ich Diäten eigentlich ablehnte (ha-ha).

So ging es bis ich 25 wurde. Ich verschwendete so viel Energie damit, Kalorien zu zählen, mir Gedanken darüber zu machen, was ich esse und welche Übungen ich machen soll, wie ich am besten abnehmen kann und wie ich die gesellschaftlichen Situationen vermeiden kann, in denen gemeinsam gegessen wird. In meinem Leben drehte sich alles ums Essen und ums mein Gewicht. Meine Laune war davon abhängig, welche Zahl mir die Waage zeigte, und diese prüfte ich mehrmals am Tag. Mein Leben war absolut miserabel und das alles nur weil ich mich an einen gefährlichen aber so vertrauten Traum fest hielt: Ich wollte einen anderen Körper haben.

Die Wurzel des Problems lag in der Kindheit
(und den Ausweg daraus bot mit unsere Abnehm-Kultur an)

Jetzt verstehe ich, dass mein Abnehm-Wahn, auch wie der Abnehm-Wahn vieler anderer Menschen, nichts mit dem Körper an sich zu tun hatte. Mit einem anderen, schlankeren und strafferen Körper verband ich eins: mehr Liebe. Als Kind hatte ich einen erheblichen Mangel an Liebe, Akzeptanz und Zugehörigkeit erfahren, weil meine Familie von einer Tragödie erschüttert wurde, als ich sieben Jahre alt war. Mein älterer Bruder wurde zusammen mit seinem besten Freund grausam ermordet. In diesem Moment endete meine Kindheit. Meine laute, wilde, lustige und selbstbewusste Seite musste ich aufgeben. Ich wurde still, verständnisvoll, unendlich empathisch und anpassungsfähig. Die Erinnerungen, die ich über die nächsten sieben Jahre habe, sind sehr begrenzt und verschwommen. Meine Mama war kurz davor, sich das Leben zu nehmen, und verbrachte viel Zeit in Kliniken. Ihr Schmerz war so groß und so überwältigend, dass sie mich mehrmals mit meinem Bruder verglichen hat, allerdings nie zu meinen Gunsten. So wuchs ich im tiefen Glauben auf, dass ich nicht gut genug, nicht liebeswert und eigentlich einfach nur Scheiße war.

Meine Abnehmstrategie war ein verzweifelter Versuch durch einen anderen, gesellschaftlich gefeierten Körper mehr Aufmerksamkeit, mehr Bestätigung und somit mehr Liebe in mein Leben zu holen (und das ist genau die Täuschung, die fleißig verbreitet wird und auf die so viele von uns reinfallen). Außerdem vermute ich, dass ich mich so viele Jahre ohnmächtig und der Situation ausgeliefert fühlte, dass ich endlich mal Kontrolle über etwas haben wollte. So kam es also dazu, dass ich mit dem Abnehmen begann.

Meine späteren Binge-Attacken waren das Ergebnis meine Diäterfahrungen und meiner ausgeprägten Diätmentalität. Die Binge-Attacken erfüllten jedoch zwei weitere Funktionen: Sie spendeten mir Trost und gleichzeitig untermauerten sie immer wieder aufs Neue meinen Glaubenssatz, dass ich wertlos und armselig war. Und ja, wie ihr seht, habe ich zugenommen. Ein großer Teil dieses Gewichts ist das Ergebnis meiner Diät-Binge-Dynamik (auf dem zweiten Bild habe ich ca. 13 kg mehr drauf).

Puh.

Schluss mit dem Diätenwahn!

An einem Tag musste ich mir eingestehen, dass ich ein tiefsitzendes Problem hatte und dass ich so nicht mehr weiterleben wollte. Ich habe endlich realisiert, das mir meine Jagd nach einem „besseren“ Körper nichts außer Leid und Selbsthass brachte und mich in eine Essstörung trieb. So traf ich die Entscheidung, dass ich mein Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper heilen möchte. Dafür musste ich den Traum an einen anderen Körper aufgeben und lernen, meinen Körper genauso zu akzeptieren, wie er war. Der neue Weg war kompromisslos. Ich sagte immer wieder zu mir selbst: „Wenn mein Körper so bleiben will, wie er jetzt ist, dann ist es so. Wenn er zunimmt, dann ist es so.“ Es ging nicht mehr ums Aussehen, sondern um den seelischen Frieden.

Aus diesem ganzen Wahn auszubrechen kostete mich viel Zeit und Energie. Und auch jetzt wenn ich nicht mehr binge und mich liebevoll behandle, arbeite ich immer noch daran, meine Diätmentalität vollständig zu eliminieren. Und ich merke, wie tief sich manche Muster in mich eingeprägt haben und wie viel Achtsamkeit es erfordert, mit ihnen umzugehen. Das Leben ist aber viel schöner und viel entspannter geworden, seitdem ich die Jagd nach einem „perfekten“ Körper aufgab. Dieser Traum hat mein Leben miserabel gemacht und mein Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper komplett zerstört. Jetzt arbeite ich daran, dieses Verhältnis wieder aufzubauen, und ich bin auf einem sehr guten Weg. Ich lernte auch, dass die Hoffnung daran, dass uns ein neuer Körper ein besseres und erfüllteres ermöglichen wird, ein großer Trugschluss ist.

Dieses Leben müssen wir selbst aufbauen, und zwar JETZT, mit dem Körper, den wir haben. Denn es geht nicht um den Körper. Es geht um UNS, unsere reiche Innerwelt, unsere  Mitmenschen, unsere Stärken, Talente, Träume, Ziele und schlussendlich um unsere Mission auf dieser Welt. All das zählt, und nicht der „perfekte“ Körper.

Hier sind die wichtigsten Lehren, die mir meine Vorher-Nachher-Geschichte beigebracht hat:

  1. Bei der Jagd nach einem „besseren“ Körper geht es in den meisten Fällen nicht um den Körper an sich. Ein anderer Körper ist das Versprechen für ein anderes Leben, ein anderes bzw. „besseres“ ICH.
  2. Wir sind nicht daran schuld, dass wir uns nicht an Diäten und Essverbote halten können. Diäten sind schuld, weil sie bestimmte Mechanismen in unserem Körper in den Gang setzen, durch die unser Körper sich zu schützen und sich die Nahrung zu holen versucht, die ihm weggenommen wird.
  3. Diäten funktionieren nicht. Ca. 96% aller Menschen, die abnehmen, bekommen ihr Gewicht innerhalb von einigen Monaten oder Jahren zurück (und viele nehmen mehr zu, als sie abgenommen haben).
  4. Diäten bringen uns bei, dass wir uns und unserem Körper nicht vertrauen dürfen.
  5. Diät ist der beste und sicherste Weg in eine Essstörung.
  6. Essstörungen sind sehr schwer zu heilen.
  7. Essstörungen sind Krankheiten, die ent-tabuisiert und ent-schämt werden sollten. Wir brauchen viel mehr Offenheit im Umgang mit ihnen.
  8. Essprobleme haben oft tiefe Wurzeln und haben wenig mit Essen zu tun, sondern viel mehr mit den Herausforderungen und Widersprüchen der Außenwelt sowie mit unserer inneren Welt.
  9. Unser Körper ist der Experte. Es weiß ganz genau, was er braucht und wie viel davon. Wir sollen ihm einfach zuhören und uns seiner Weisheit anvertrauen.

Wo steht ihr gerade in Bezug auf euren Körper, Essen und Selbstliebe? Wie sah eurer Weg aus? Teil das gerne in den Kommentaren! <3

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