Warum „Oh, du hast abgenommen!“ kein Kompliment ist

Vor Kurzem hat mich jemand gefragt, ob ich denn abgenommen habe. Ich war erstmal geschockt von der Direktheit der Frage und meinte dann, dass ich es nicht wisse und dass es mir egal sei. „Doch, ich sehe es! Du hast hundertprozentig abgenommen!“, meinte er fast überschwänglich, nachdem er meinen Bauchbereich ziemlich präzise gemustert hatte. Da ich absolut begeisterungslos auf seine Kommentare reagierte, fügte er hinzu: „Freu dich doch. Das war ein Kompliment!“. „Warum soll das denn ein Kompliment sein?“, fragte ich ihn konfrontierend. Darauf entgegnete er mir einen verwirrten Blick. Der Mann ist für einige Sekunden stumm geworden, weil ihm meine Frage so komisch und absurd vorkam. Das ist verständlich, denn heutzutage ist das Abnehmen ein erstrebenswertes Gut. Alle wollen abnehmen. Und alle wollen dafür bewundert werden.

Das hier ist ein Plädoyer dafür, bewusster mit unseren Kommentaren übers Aussehen anderer Menschen umzugehen und unsere Einstellungen zum Gewicht und Abnehmen zu überdenken. Ich bin der Meinung, dass wir es am besten komplett unterlassen sollen, den Körper oder jegliche Gewichtschwankungen anderer Menschen zu kommentieren. Hier sind 6 Gründe, warum das wichtig ist:

1. Mit solchen Kommentaren unterstützen wir den in unserer Gesellschaft herrschenden Abnehm- und Schönheitswahn, der uns alle terrorosiert.
Uns wird von allen Ecken und Kanten – egal ob durch Werbung, Instagram, Magazine, Fitnesstrainer*innen oder Ernährungsberater*innen – eingetrichtert, dass wir  alle schlank und sportlich sein müssten. Der Gewinn der ganzen Industrien, die uns schlank zu halten oder zu machen versprechen, steigt von Jahr zu Jahr erheblich an. Zum Beispiel mach die Diätindustrie ca. 65 Milliarden Dollar Umsatz weltweit, die Fitnessindustrie – ca. 82 Milliarden Dollar und die rasend wachsende Schönheits-OP-Industrie – ca. 20 Milliarden Dollar.  Wenn Menschen aber versuchen, ihren Körper zu verändern, geht es in den meisten Fällen nicht um den Körper an sich. In Wirklichkeit geht es vielmehr darum, was dieser Körper symbolisiert. Denn ein schlanker Körper ist heutzutage das Symbol für Glück, Erfolg, Liebe, ein erfülltes Sexleben und eine makellose Gesundheit. Und wer möchte all das bitte schön nicht haben?! So investieren Menschen haufenweise Geld, Zeit und Energie darin, einem ‘idealen’ Körper hinterherzulaufen, im tiefsten Glauben daran, dass ein ‘besserer’ Körper ihnen ein erfülltes Leben ermöglichen wird. Dies ist jedoch ein gefährlicher Trugschluss, denn auf dieser Jagd verlieren die meisten von uns jeglichen Kontakt zu unserem Körper, versetzten uns in einen Dauerstresszustand, verlieren Spaß am Leben und machen unser Glück von einer Zahl auf der Waage abhängig.

2. Körper sollte nichts mit unserem Wert als Mensch zu tun haben
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die von uns fordert, in allen Bereichen unseres Lebens hervorragende Ergebnisse zu liefern – egal ob im Job, im Bett, als Eltern oder als Je mehr Leistung wir erbringen, je härter wir arbeiten, desto wertvoller sind wir. Als Beweis für unser Leistungsvermögen eignet sich der Körper besonders gut, da er immer sichtbar ist. Er wird als physischer Ausdruck unseres Eifers, unserer Produktivität, Willensstärke und unseres hervorragenden Gesundheitsbewusstseins zur Schau gestellt. Ein schlanker Körper wird einer produktiven, energetischen, zielstrebigen und sogar intelligenten Person zugeschrieben. Ein dicker  Körper wird dagegen mit Faulheit, fehlender Disziplin und mangelnder Produktivität verbunden. Die Wahrheit ist jedoch anders: Sowohl dünne als auch dicke Menschen können leistungsfähig und motiviert sein. Sowohl dünne, als auch dicke Menschen können faul und unmotiviert sein. Unser Körper hat also absolut nichts mit unserem Wert als Person zu tun.  Jeder Mensch ist wertvoll und verdient Respekt, unabhängig von seiner Kleidergröße oder seiner Produktivität. Und jeder Körper darf sein, ohne sich für seine Existenz entschuldigen oder schämen zu müssen.

3. Unser Körper ist kein Schmuckstück, sondern ein wundervolles Instrument.
Es geht kaum mehr um die Funktionalität und Vitalität unseres Körpers. Alles dreht sich um dessen Aussehen. Unsere Körper wurden von bewundernswerten Instrumenten zu Schmuckstücken gemacht; von einem echten Meisterwerk zu etwas, was von Natur aus fehlerhaft und verbesserungsbedürftig ist, degradiert. Es ist an der Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, was der Körper für uns bedeutet. Ist er  lediglich dazu da, um anderen zu beeindrucken, neidisch zu machen und zu verführen? Ist es da, um Stolz oder Scham in uns und in anderen auszulösen? Oder ist der Körper da, um uns dieses wundervolle Leben zu ermöglichen, uns auf unserem Wege zu unterstützen? Unser Körper ist ein großes Geschenk und soll primär dafür bejubelt werden, was er alles kann, und nicht dafür, wie er aussieht.

4. Viel zu viel Wert wird heutzutage auf das Äußere gelegt und mit solchen Kommentaren unterstützen wir die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft. Anstatt uns mit dem Kern anderer Person zu verbinden, anstatt sie als ein komplexes und facettenreiches Wesen wahrzunehmen, bleiben wir oft bei den Äußerlichkeiten hängen. Auch bei uns selbst verbringen wir oft viel mehr Zeit damit, unser Äußeres zu polieren, anstatt uns mit unserer reichen und so faszinierenden inneren Welt zu beschäftigen und deren Tiefen zu erkunden. Nächstes Mal, wenn du jemandem ein Kompliment zur ihrem/seinem Äußeren machen möchtest, drück erst mal auf Pause und überlege dir, wie du dieser Person ein wahres Geschenk mit deinen Worten bieten kannst. Frage dich, wie diese Person dein Leben bereichert (hat), wofür du ihr dankbar bist oder worin sie unschlagbar gut ist. Dann teile das mit ihr, in liebevolle Worte verpackt, und beobachte das Licht, das du im Inneren dieser Person angezündet hast.

5. Solche Kommentare können ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum Körper begünstigen.
Dies ist vor allem bei jungen Mädchen/Frauen der Fall. Es kommt ziemlich oft vor, dass sie entweder ungeplant oder zielgerichtet ein paar Kilos abnehmen und plötzlich mit Komplimenten zu ihrem reduzierten Gewicht überschüttet werden. Sie fühlen sich gesehen, begehrt und bewundert. So stellen sie schnell eine Verknüpfung fest: Je dünner ich werde, desto beliebter bin ich. Und beliebt sein wird mit Liebe und Anerkennung gleichgestellt – dem, wonach sich eigentlich jede/r von uns sehnt. Um noch mehr Liebe in ihr Leben zu holen, fangen viele also an, ‘fleißig’ Diäten zu halten und bis zur Ohnmacht zu trainieren. Und dann dauert es meistens nicht allzu lange, bis sie eine Essstörung entwickeln und in einem Sumpf aus Selbstablehnung und Körperhass versinken.

6. Der Gewichtsverlust kann das Ergebnis einer schweren Krankheit oder einer Lebenskrise sein.
Oft nehmen Menschen ab, weil sie an einer Krankheit leiden oder sich in einer schwierigen Lebensphase befinden, z.B. Depression, Trennung, der Tod einer nahestehenden Person.  Der Gewichtsverlust ist in solchen Fällen das direkte Ergebnis des körperlichen oder seelischen Leidens. Da scheint doch so ein Kompliment zum Abnehmen völlig fehl am Platz zu sein, oder? Denn es wäre ja ganz daneben, jemanden für ihre/seine verlorenen Kilos zu bewundern, während diese eigentlich das Leiden und den tiefen Schmerz symbolisieren.

–> Lasst uns gemeinsam eine bessere Welt erschaffen, in der wir achtsam mit uns selbst und mit anderen Menschen umgehen; in der wir viel mehr als nur Körper, sondern vornehmlich Menschen sind; in der wir uns nicht dazu verpflichtet fühlen, unsere Körper verändern zu müssen, um von anderen akzeptiert zu werden; in der wir alles aus Selbstliebe heraus aufbauen, anstatt unser Leben von Selbsthass leiten zu lassen.


Bildquelle: gratisography.com

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