Wie du (d)eine Diät-Mentalität erkennen kannst

Hast du die Vermutung, dass du in einer Diät-Mentalität stecken könntest? Anhand der unten aufgeführten Beispiele wirst du deine Diät-Mentalität erkennen und hinterfragen können.

Was ist denn genau eine Diät-Mentalität? Das ist eine Lebenseinstellung, die tiefe Wurzeln hat und das Leben eines Menschen täglich beeinflusst. Eine Person, die in einer Diät-Mentalität gefangen ist, beschäftigt sich andauernd damit, das eigene Leben nach vielen rigiden Regeln zu gestalten. Das Ziel ist es, abzunehmen oder nicht zuzunehmen.  Im Grunde genommen dreht sich alles nur um das eigene Gewicht und um das Aussehen des eigenen Körpers. Viel Zeit und viel Energie wird darauf verwendet, sich Gedanken um das eigene Gewicht zu machen und Strategien dafür zu suchen, es zu halten oder zu reduzieren.

Die Menschen, die in einer Diät-Mentalität stecken, sehen es meistens nicht oder wollen es lange nicht akzeptieren. Je früher du jedoch deine Diät-Mentalität erkennst und dir eingestehst, desto früher kannst du anfangen dein Verhältnis zum Essen und zu deinem Körper positiv zu verändern.

Hier gebe ich dir einige ganz konkrete Beispiele anhand derer du feststellen kannst, ob du in einer Diät-Mentalität gefangen bist und wenn ja, wie tief du darin steckst. Die Beispiele aus der rechten Spalte werden dir zeigen, wie entspannt und angenehm dein Leben ohne Diät-Mentalität aussehen könnte.

 

DIÄT-MENTALITÄT und ABLEHNUNG des EIGENEN KÖRPERS INTUITIVES ESSEN + VERBINDUNG zum eigenen KÖRPER + SELBSTLIEBE
Salat ist gut, also wenn ich einen Salat esse, bin ich gut. Schokolade ist schlecht, also wenn ich Schokolade esse (=sündige), bin ich schlecht.Es gibt kein gutes und kein schlechtes Essen. Mein Wert als Mensch hat nichts damit zu tun, was ich zu mir nehme.
Ich habe schon diesen einen Keks gegessen, jetzt ist meine Diät sowieso am Arsch, also esse ich weitere 20 Kekse!Ich aß diesen einen Keks und genoss ihn sehr. Möchte ich einen weiteren Keks? Was sagt mir mein Körper?
Wenn ich etwas von diesem „verbotenen“ Produkt esse, werde ich nicht aufhören können, also vermeide ich es komplett.Ich darf alles essen, denn je mehr ich mir etwas verbiete, desto größer wird mein Verlangen danach sein. Ich habe ein ganz entspanntes Verhältnis zum Essen.
Es ist ungesund, ich darf das nicht essen!Ich darf alles essen, es geht lediglich um die Menge. Ich vertraue meinem Körper und verlasse mich auf seine Weisheit.
Nachdem ich DAS esse, muss ich für mindestens eine Stunde aufs Laufband oder heute auf mein Abendbrot verzichten.Ich darf das genießen, ohne es mit Sport oder Verzicht auf Abendbrot zu kompensieren. Genuss ist ein wichtiger Teil meines Lebens.
Dort wird höchstwahrscheinlich gegessen. Ich glaube, ich sage am besten ab und bleibe zu Hause!Ich freue mich auf spannende Gespräche und auf selbstgekochtes Essen. Ich werde so viel oder so wenig essen, wie ich möchte. Kein Druck.
Ich habe Hunger, aber es ist schon zu spät, um zu essen. Ich esse morgen.Ich habe Hunger, also esse ich.
Ich habe Hunger, obwohl ich erst vor kurzem gegessen habe! Ich muss noch mind. zwei Stunden warten, bis ich wieder etwas essen darf.Ich habe wieder Hunger? Okay, anscheinend braucht mein Körper heute etwas mehr, um gut zu funktionieren. Ich esse jetzt wieder etwas.
Wo sind die Fitspo-Bilder? Ich muss mich inspirieren lassen, damit ich weniger fresse und endlich mal mehr Sport mache! Ich will schließlich irgendwann genau so schlank und sportlich aussehen, wie die Frauen auf diesen Bildern. Keine Fitspo-Bilder mehr für mich, danke. Sie versauen meine Laune, bedrücken mich und zerstören mein Selbstwertgefühl. Wo sind all die Frauen aus der Body-Positivity-Bewegung auf Instagram? Ihnen folge ich, denn sie inspirieren mich und zeigen mir, was bedingungslose Selbstannahme ist.
Welche sportliche Aktivität verbrennt am meisten Kalorien?Welche sportliche Aktivität/Art von Bewegung macht mir am meisten Spaß und vertieft meine Verbindung zu meinem Körper?
Oh nein, ich habe 300 Gramm zugenommen! Wie schrecklich und ekelhaft! Was für eine Versagerin bin ich!Wie viel ich wiege? Keine Ahnung, interessiert mich nicht. Meine Waage ist schon längst im Keller, denn ich lasse es nicht zu, dass ein lebloses Objekt meinen Wert bestimmt und meine Laune beeinflusst.
Diese WG-Party hat mir meinen ganzen Ernährungsplan versaut! Wow, das war ja eine lustige WG-Party! So tolle Leute, so ein gutes Essen!

Habe ich etwas vergessen? Wie können wir darüber hinaus eine Diät-Mentalität erkennen? Lasse mich das gerne in den Kommentaren wissen! 

Vorher-Nachher-Geschichte, diesmal aber anders

Warum ich meine Vorher-Nachher-Geschichte mit der Welt teilen möchte

Normalerweise findet man im Internet Fotos, die umgekehrt platziert sind: von einem korpulenten zu einem mageren Körper. Und dies soll als ein großer Gewinn und eine bewundernswerte Leistung angesehen werden, die von allen gefeiert wird.  Ich möchte aber das vertraute Szenario umdrehen und einen fülligeren Körper zelebrieren. Ich möchte den gängigen Mythos zerstören, dass ein schlanker Körper Glück, Liebe, Anerkennung, mehr Selbstbewusstsein, unendliche Freude und Freiheit mit sich bringt. Ich möchte den Glaubenssatz, dass dünner gleich wertvoller bedeutet, für immer beseitigen.  Und als Allerwichtigstes möchte ich mit Hilfe meiner eigenen Geschichte die grausame Wahrheit über den Abnehm-Wahn unserer Gesellschaft erzählen und das Leiden dahinter zeigen.

Auf dem Bild links bin ich 15 Jahre alt. Mein Gewicht war damals nicht das natürliche Gewicht eines pubertierenden Mädchens, sondern das Ergebnis einer neuen Lebensweise, an die ich mich entschlossen/unnachgiebig und mit einer fast militärischen Disziplin ein Jahr lang hielt. Mein Leben bestand aus einer sehr, sehr strickten Diät (nichts Gebratenes, nichts Süßes, Minimum an Kalorien) und aus täglichem Sport. Zu der Entscheidung, mein Leben komplett umzustellen, kam ich, weil ich mich damals für fett und ekelhaft hielt. So machte ich Sport, hielt ohne Wenn und Aber meine Diät ein und nahm mehr und mehr ab. Es fiel mir damals nicht schwer, mich an diese Diät zu halten, denn die erste Diät ist immer die leichteste. Mein Plan funktionierte so „gut“, dass nach einem Jahr alle um mich herum um meine Gewichtreduktion besorgt waren, nur ich nicht. Die Kommentare, dass ich zu dünn sei und aufpassen müsse, ärgerten mich gewaltig.  Ich dachte, sie spinnen wohl, denn ich schaute in den Spiegel und sah dort Fett ohne Ende.

Mit dieser Diät fing ein neuer Abschnitt in meinem Leben an, der statt erhoffter Freude und Selbstbewusstsein, nur ein dauerhaftes Leiden mit sich brachte.

Wie ich im Abnehmsumpf stecken geblieben bin

Nach einem Jahr lockerte ich meine Diät ein wenig, zählte aber weiterhin Kalorien und machte viel Sport. Es fiel mir immer schwieriger, mich von „verbotenen“ Produkten fernzuhalten. Mit 18 fing ich zum ersten Mal zu  bingen. Ich aß alles, was zu Hause war: Erstmal etwas Herzhaftes, dann etwas Süßes, dann sofort wieder etwas Herzhaftes usw. bis ich irgendwann pappsatt war. Ich stopfte mich voll mit Schokolade und fühlte mich dabei wie eine Verbrecherin. Am nächsten Tag trank ich nur Kefir, um keinesfalls zuzunehmen. So ging es circa zwei Jahre lang. Dann sind meine Binges noch schlimmer geworden. Ich ging extra in den nahen Supermarkt, kaufte mir Berge an Süßkram, ging nach Hause, versteckte mich vor allen und fraß das alles weg. Danach lag ich auf meinem Bett und konnte mich kaum bewegen, weil mein Magen beinahe platzte und sehr schmerzte.  In diesen Momenten hasste ich mich so sehr! Ich hielt mich für eine Versagerin, für einen absolut wertlosen, nutzlosen, schwachen und ekelhaften Menschen.  Ich schwor, dass ich nächstes Mal, wenn der Drang zu Bingen wieder hochkommt, einfach nicht einkaufen gehen würde, und bin dann immer wieder gegangen. In meiner schlimmsten Phase, als mich Liebeskummer in einem fremden Land quälte, kam es bis zu fünf Mal die Woche zu solchen Binge-Attacken. Ich litt an einer Essstörung, erzählte aber niemanden davon, denn ich war fest davon überzeugt, dass es lediglich an meiner schwachen Disziplin lag und dass ich sie in den Griff hätte bekommen müssen. Außerdem dachte ich, dass ich ein ganz normales Verhältnis zum Essen hatte und dass ich Diäten eigentlich ablehnte (ha-ha).

So ging es bis ich 25 wurde. Ich verschwendete so viel Energie damit, Kalorien zu zählen, mir Gedanken darüber zu machen, was ich esse und welche Übungen ich machen soll, wie ich am besten abnehmen kann und wie ich die gesellschaftlichen Situationen vermeiden kann, in denen gemeinsam gegessen wird. In meinem Leben drehte sich alles ums Essen und ums mein Gewicht. Meine Laune war davon abhängig, welche Zahl mir die Waage zeigte, und diese prüfte ich mehrmals am Tag. Mein Leben war absolut miserabel und das alles nur weil ich mich an einen gefährlichen aber so vertrauten Traum fest hielt: Ich wollte einen anderen Körper haben.

Die Wurzel des Problems lag in der Kindheit
(und den Ausweg daraus bot mit unsere Abnehm-Kultur an)

Jetzt verstehe ich, dass mein Abnehm-Wahn, auch wie der Abnehm-Wahn vieler anderer Menschen, nichts mit dem Körper an sich zu tun hatte. Mit einem anderen, schlankeren und strafferen Körper verband ich eins: mehr Liebe. Als Kind hatte ich einen erheblichen Mangel an Liebe, Akzeptanz und Zugehörigkeit erfahren, weil meine Familie von einer Tragödie erschüttert wurde, als ich sieben Jahre alt war. Mein älterer Bruder wurde zusammen mit seinem besten Freund grausam ermordet. In diesem Moment endete meine Kindheit. Meine laute, wilde, lustige und selbstbewusste Seite musste ich aufgeben. Ich wurde still, verständnisvoll, unendlich empathisch und anpassungsfähig. Die Erinnerungen, die ich über die nächsten sieben Jahre habe, sind sehr begrenzt und verschwommen. Meine Mama war kurz davor, sich das Leben zu nehmen, und verbrachte viel Zeit in Kliniken. Ihr Schmerz war so groß und so überwältigend, dass sie mich mehrmals mit meinem Bruder verglichen hat, allerdings nie zu meinen Gunsten. So wuchs ich im tiefen Glauben auf, dass ich nicht gut genug, nicht liebeswert und eigentlich einfach nur Scheiße war.

Meine Abnehmstrategie war ein verzweifelter Versuch durch einen anderen, gesellschaftlich gefeierten Körper mehr Aufmerksamkeit, mehr Bestätigung und somit mehr Liebe in mein Leben zu holen (und das ist genau die Täuschung, die fleißig verbreitet wird und auf die so viele von uns reinfallen). Außerdem vermute ich, dass ich mich so viele Jahre ohnmächtig und der Situation ausgeliefert fühlte, dass ich endlich mal Kontrolle über etwas haben wollte. So kam es also dazu, dass ich mit dem Abnehmen begann.

Meine späteren Binge-Attacken waren das Ergebnis meine Diäterfahrungen und meiner ausgeprägten Diätmentalität. Die Binge-Attacken erfüllten jedoch zwei weitere Funktionen: Sie spendeten mir Trost und gleichzeitig untermauerten sie immer wieder aufs Neue meinen Glaubenssatz, dass ich wertlos und armselig war. Und ja, wie ihr seht, habe ich zugenommen. Ein großer Teil dieses Gewichts ist das Ergebnis meiner Diät-Binge-Dynamik (auf dem zweiten Bild habe ich ca. 13 kg mehr drauf).

Puh.

Schluss mit dem Diätenwahn!

An einem Tag musste ich mir eingestehen, dass ich ein tiefsitzendes Problem hatte und dass ich so nicht mehr weiterleben wollte. Ich habe endlich realisiert, das mir meine Jagd nach einem „besseren“ Körper nichts außer Leid und Selbsthass brachte und mich in eine Essstörung trieb. So traf ich die Entscheidung, dass ich mein Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper heilen möchte. Dafür musste ich den Traum an einen anderen Körper aufgeben und lernen, meinen Körper genauso zu akzeptieren, wie er war. Der neue Weg war kompromisslos. Ich sagte immer wieder zu mir selbst: „Wenn mein Körper so bleiben will, wie er jetzt ist, dann ist es so. Wenn er zunimmt, dann ist es so.“ Es ging nicht mehr ums Aussehen, sondern um den seelischen Frieden.

Aus diesem ganzen Wahn auszubrechen kostete mich viel Zeit und Energie. Und auch jetzt wenn ich nicht mehr binge und mich liebevoll behandle, arbeite ich immer noch daran, meine Diätmentalität vollständig zu eliminieren. Und ich merke, wie tief sich manche Muster in mich eingeprägt haben und wie viel Achtsamkeit es erfordert, mit ihnen umzugehen. Das Leben ist aber viel schöner und viel entspannter geworden, seitdem ich die Jagd nach einem „perfekten“ Körper aufgab. Dieser Traum hat mein Leben miserabel gemacht und mein Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper komplett zerstört. Jetzt arbeite ich daran, dieses Verhältnis wieder aufzubauen, und ich bin auf einem sehr guten Weg. Ich lernte auch, dass die Hoffnung daran, dass uns ein neuer Körper ein besseres und erfüllteres ermöglichen wird, ein großer Trugschluss ist.

Dieses Leben müssen wir selbst aufbauen, und zwar JETZT, mit dem Körper, den wir haben. Denn es geht nicht um den Körper. Es geht um UNS, unsere reiche Innerwelt, unsere  Mitmenschen, unsere Stärken, Talente, Träume, Ziele und schlussendlich um unsere Mission auf dieser Welt. All das zählt, und nicht der „perfekte“ Körper.

Hier sind die wichtigsten Lehren, die mir meine Vorher-Nachher-Geschichte beigebracht hat:

  1. Bei der Jagd nach einem „besseren“ Körper geht es in den meisten Fällen nicht um den Körper an sich. Ein anderer Körper ist das Versprechen für ein anderes Leben, ein anderes bzw. „besseres“ ICH.
  2. Wir sind nicht daran schuld, dass wir uns nicht an Diäten und Essverbote halten können. Diäten sind schuld, weil sie bestimmte Mechanismen in unserem Körper in den Gang setzen, durch die unser Körper sich zu schützen und sich die Nahrung zu holen versucht, die ihm weggenommen wird.
  3. Diäten funktionieren nicht. Ca. 96% aller Menschen, die abnehmen, bekommen ihr Gewicht innerhalb von einigen Monaten oder Jahren zurück (und viele nehmen mehr zu, als sie abgenommen haben).
  4. Diäten bringen uns bei, dass wir uns und unserem Körper nicht vertrauen dürfen.
  5. Diät ist der beste und sicherste Weg in eine Essstörung.
  6. Essstörungen sind sehr schwer zu heilen.
  7. Essstörungen sind Krankheiten, die ent-tabuisiert und ent-schämt werden sollten. Wir brauchen viel mehr Offenheit im Umgang mit ihnen.
  8. Essprobleme haben oft tiefe Wurzeln und haben wenig mit Essen zu tun, sondern viel mehr mit den Herausforderungen und Widersprüchen der Außenwelt sowie mit unserer inneren Welt.
  9. Unser Körper ist der Experte. Es weiß ganz genau, was er braucht und wie viel davon. Wir sollen ihm einfach zuhören und uns seiner Weisheit anvertrauen.

Wo steht ihr gerade in Bezug auf euren Körper, Essen und Selbstliebe? Wie sah eurer Weg aus? Teil das gerne in den Kommentaren! <3